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CFP: Medien der Immunität. Politiken und Praktiken von Schutz und Ansteckung

Organisation: Sven Grampp / Olga Moskatova, FAU Erlangen-Nürnberg

Termin: Freitag, 19. Februar 2021, Online

Einreichung Beitragsvorschläge: bis spätestens zum 31. Oktober 2020

Der politische wie öffentliche Diskurs um die aktuelle pandemische Krise ist stark durch Virologie und Epidemiologie geprägt. Auch aus philosophischen Reihen werden unterschiedliche Deutungsangebote gemacht, die sich bisweilen als „Katastrophenethik“ (Mukerji/Mannino 2020) entpuppen oder der Hoffnung auf eine daraus resultierende „metaphysische Pandemie“ (Gabriel 2020) Ausdruck verleihen. Vor aller Entscheidungsfindung möchten wir stattdessen erst einmal erkunden, was es für Maßnahmen, Politiken, Ideen und Diskurse des Abschirmens, Schützens, Abwehrens gibt. Wir plädieren dafür, neben der Virologie eine Immunologie zu etablieren, genauer: Medien der Immunität zu untersuchen. Das ist deshalb von Interesse, weil die Virologie – ganz im Gegensatz zur Immunologie – im medien- und kulturwissenschaftlichen Milieu einigermaßen etabliert zu sein scheint.

Spätestens mit den Entwicklungen des Web 2.0. und der viralen Logik des Teilens und Verbreitens von Bild-, Text- und Tonmaterial wurde auf die biologische Metapher zurückgegriffen. Aber auch mit Computerviren als gängige Bezeichnung für die Malware wird auf das semantische Feld krankmachender Ansteckung rekurriert. Viren werden dabei nicht nur durch Übertragung verbreitet und betreffen so eine der medialen Grundoperationen (Krämer 2008), vielmehr wurde auch die Sozialität als ein Prozess der gegenseitigen Ansteckung bzw. der ansteckenden Übertragung der Ideen, Verhaltensweisen, Ideologien etc. (Tarde 2008, 2009) erklärt. Mit der Corona-Krise, die der Virologie der Medien zu einer neuen Popularität verhilft, ist aber auch deutlich geworden, dass symbolische wie materielle Ansteckungsprozesse nicht ohne gegenteilige Prozesse und Diskurse des Schützens und damit nicht ohne Medien des Immunen auskommen.

Immunität ist ein verzweigtes diskursives Feld, das medizinische, juristische, biopolitische und technologische Problemstellungen bündelt. Als biologische Metapher für gesellschaftliche Prozesse stellt das Immunsystem einen bevorzugten Bezugspunkt dar, um im Spätkapitalismus materielle und symbolische Differenzen zu denken (Haraway 1991). Es liefert Modelle, um das Verhältnis von Schutz und Bedrohung, Fremdes und Eigenes zu denken sowie um das Selbst zu konzipieren. Zugleich ist immunitas ein zentraler Topos der aktuellen politischen Philosophie: Von Derrida (2003) über Esposito (2004; 2013) und Lorey (2011) bis hin zu Bossat (2003) und Neyrat (2008) werden Macht- und Herrschaftslogiken auf ihre je spezifischen Schutzmechanismen und die damit einhergehenden Ein- und Ausschlüsse befragt. Die Herausbildung von Immunitätsdispositiven ist dabei insbesondere für die Moderne charakteristisch, in der die Verbindung von Leben und Politik zu biopolitischen Machtformen führt (Esposito 2004; 2013).

Medien materieller Immunisierung

Medien sind an immunitären Machtformationen und an Immunisierungen auf unterschiedliche Weise beteiligt. Medien können fiktionale und realpolitische Narrative der Bedrohung entfalten, die Grenzen zwischen eigen/fremd, eigen/gemein, rein/unrein ziehen und so zurEtablierung affektiv besetzter Atmosphären und Diskurse der Gefährdung beitragen. So sind literarische, filmische und serielle Dystopien, Science-Fiction, Alien- und Epidemie-Narrative bevölkert von Vorstellungen über fremdartige Gefahren und Angriffe auf Individual- und Gesellschaftskörper, die es abzuwehren gilt. In ihnen wird nicht nur immer wieder aufs Neue die extra-terrestrische, animalische, ethnische, weibliche, klassenbezogene Alterität als etwas Bedrohliches ausbuchstabiert, sondern auch zahlreiche mediatisierte, auf Exklusion oder Exklusivität ausgerichtete Schutzräume und -mechanismen vorgeführt: Gasmasken, Raumfahrtanzüge und Infektionsschutzkleidung, die lebenserhaltende Atmosphären herstellen und umhüllen; gegen gewaltsame Angriffe abgedichtete Panikräume, Untergrund-Bunker, Panzer oder exklusive, mit High-Tech aufgerüstete Wohnanlagen, die das Eigene bzw. das Innen sichern. Wenn immunisieren nicht zuletzt bedeutet, Sphären der geschützten Interiorität herzustellen und sie infrastrukturell und architektural zu materialisieren (Sloterdijk 1999; 2004), so ist damit eine Reihe von Medien angesprochen, die als körperbezogene, umhüllende Umgebungen auftreten.

Medien symbolischer Immunisierung

Immunisierungen funktionieren nicht nur durch das Etablieren materieller Schutzsphären und -barrieren, sondern erstrecken sich auch auf symbolisch-ideologische und semiotische Produktion des Eigenen. Medien transportieren Weltbilder, Vorstellungen über (Un-)Reinheit der Kulturen und formen Diskurse der Ethnizität oder Nationalität, die Gruppen, Gesellschaften und Kulturen xenophobisch „klimatisieren“ (Sloterdijk 1999) und politisch- kulturelle Abschottungen begünstigen können. Mit Zeichen können einzelne Personen, Lebensgemeinschaften, Unternehmen oder ganze Bevölkerungsgruppen Territorien, natürliche Lebensräume oder öffentliche Plätze besetzen, als eigene markieren und für andere unbewohnbar machen. Die Ausbildung derartiger Semiosphären stellt für Serres (2009), in Analogie zur materiellen Umweltverschmutzung, eine symbolische, ‚weiche‘ Verschmutzung dar, in der Gemeines durch aneignende Markierungen in Eigenes-Reines verwandelt wird. Diese reicht von Erbauen von Staaten auf Überresten der Toten und auf blutigen Markierungen über kultische Reinigung von Orten durch Opferung bis hin zur modernen Plakatierung der Stadt mit Markennamen oder politischen Abzeichen (Fahnen, Hakenkreuze).

Aus systemtheoretischer Sicht lassen sich Medien wiederum generell als Immunsysteme der Gesellschaft verstehen – und zwar auf mindestens drei unterschiedlichen Ebenen. Zunächst regulieren Medien Erwartungen und Erwartungserwartungen. Medien machen so Kommunikation nicht nur wahrscheinlicher (Luhmann 1981), sondern sie tun dies insbesondere durch semantische wie syntaktische Stabilisierung und Musterbildung (Nassehi 2019), die gegen völliges Unverständnis, Missverständnis, Orientierungslosigkeit oder auch radikale Widersprüchlichkeiten immunisieren soll. Zweitens garantieren Medien aber nicht nur Anschlusskommunikation durch Konventionalisierung, sondern diese Konventionalisierungen sind so offen, dass sich darin Widersprüchlichkeiten oder Missverständnisse artikulieren, diese erkannt und reflektiert werden können, und wiederum Anschlusskommunikation angeregt wird. Medien sind demnach dafür da, Widersprüche und Missverständnisse kommunikativ zu eliminieren und gleichzeitig zu reflektieren. Genau diese Verschränkung von Eliminations- und Reflexionsarbeit fördert, „die Entwicklung eines Immunsystems“ (Luhmann 1984). Drittens stellen für die Systemtheorie Massenmedien eingesellschaftlich ausdifferenziertes Teilsystem dar, das uns trainiert, permanent mit Irritationen, Neuigkeiten und Realitätsänderungen zu rechnen. Das System Massenmedien ist so verstanden das zentrale gesellschaftliche Immunsystem – und zwar nicht durch Abschirmung von Unerwartetem, Anderem, Widersprüchlichem, sondern genau umgekehrt: durch permanente Hinweise auf Unterwartetes, Anderes, Widersprüchliches.

Topologien medialer Schutz- und Ansteckungszonen

Neben solchen schützend-isolierenden Mediasphären treten Medien auf, die sich zwischen dem Selbst und den vermeintlichen Gefährdungen stellen: Tore und Eingangskontrollen, Kampfschutzschilder und Visiere, Anti-Virusprogramme und anderweitige kryptographische Barrieren, Bildschirme aller Art und Überwachungsanlagen. Als Medien des Dazwischen dichten sie nicht umgebend ab, sondern halten eher auf fragiler Distanz bzw. oszillieren zwischen Abschirmen und Zulassen von Alterität. Derart sind unterschiedliche mediale Topologien des Schützenden impliziert – etwa exkludierendes Isolieren und teildurchlässiges Abschirmen, aber auch pharmakologisches Inkludieren.

In der Topologie der pharmakologischen Inkludierung stellen Schutz und (virale) Ansteckung, Abwehren und Übertragen keine einfachen Gegensätze dar. So können z. B. in Form von Gerüchten, Falschnachrichten oder viral gewordenen Meinungsbildern symbolische Abschirmungen entstehen und sich somit geschützte Interioritäten zuallererst etablieren. In den Diskursen der Immunität sind Kontamination und Schutz, Fremdes und Eigenes aporetisch aufeinander bezogen, wie etwa der der Biologie entlehnte Topos der Impfung und seine Logik des pharmakon (Derrida 1995) veranschaulichen: Die politischen, physischen oder ideologischen Schutzeffekte entstehen hierbei erst durch Inkorporation, die Hereinnahme, des Bedrohlichen in kleiner Dosierung (vgl. Esposito 2004; Lorey 2011).

Die politischen Implikationen des Immunitäts- und Immunisierungsdiskurses beschränken sich damit eben nicht auf exkludierende Tendenzen. Vielmehr stellt sich philosophisch die Frage, wie angesichts des notwendigen, lebenserhaltenden Mindestmaßes an Schutz, Immunität jenseits isolierender Abschottung gedacht werden kann. Obwohl die Etablierung atomistischer Individuen in vielen philosophischen Immunitätskonzepten im Vordergrund stehen (Haraway 1991; Esposito 2004; Sloterdijk 2004), können Figuren des Immunen auch emanzipatorische, anti-identitäre Gemeinschaftsentwürfe beinhalten (Lorey 2011). In Loreys Modell der konstituierenden Immunisierung, das auf der Topologie der Hinaus-Gabe basiert, verbünden sich etwa Viele durch Kontakt und Ansteckung im Wiederstand gegen historisch spezifische Herrschaftsverhältnisse, ohne dem Ideal der unversehrten Souveränität zu erliegen (Lorey 2011). Neuere biologische Immunitätskonzepte und an sie anschließende Philosophien der Biopolitik betonen die relationale Offenheit des Lebendigen und begreifen Organismen als holobiontische, nichtanthropozentrische Assemblagen (Clark 2017). Auch Sloterdijks Anthropotechniken zur Immunisierung (2009) sind weniger negativ konnotiert und rücken mediale Artefakte und Infrastrukturen des Trainings in den Vordergrund, die den Menschen nicht nur zu immer höheren Leistungen befähigen, sondern gerade durch und in seiner rituellen Monotonie und Automatisierung wahlweise gegen Trägheit, Dämonen, Väter und Mütter, Konkurrenten, familiäre Anforderungen, unmoralische Gedanken oder Krankheiten immun machen sollen. Im Anschluss daran ließe sich noch einmal prinzipieller fragen, welche Formen des Immunitären überhaupt denkbar sind, die nicht letztlich wieder auf einimmobiles, stabilisierendes, homogenisierendes System hinauslaufen, das sich einfach von seiner – im Zweifelsfall virenverseuchten – Umwelt abgrenzt.

Wir wünschen uns Beitragsvorschläge zu den oben benannten Themenfeldern im Umfang von bis zu einer Seite. Vorschläge bitte per Mail bis zum 31. Oktober 2020 an:

Sven Grampp, sven.grampp@fau.de und Olga Moskatova, olga.moskatova@fau.de

Eine Publikation ausgewählter Beiträge wird angestrebt.

Ablauf:

Passend zum Thema soll aufgrund der aktuellen Lage der Workshop im ‚Distant Mode‘ via Zoom stattfinden. D.h. wir vernetzten uns zur Diskussion der jeweiligen Beiträge digital aus der Distanz. Um uns auf die Diskussion der Beiträge/Positionen konzentrieren zu können, sollen die Beiträge allen Teilnehmenden im Vorfeld bereits zugänglich gemacht werden. Das wiederum heißt: Die Beiträge – sei es in Form von Texten (Umfang ca. 10 Seiten), Handouts oder Screencast (ca. 20-30 min.) – müssen vorher den Organisatoren geschickt werden. Wir sorgen dann dafür, dass alle Teilnehmenden das Material mindestens eine Woche vorher erhalten. Deshalb gilt für die Einreichung der Beiträge die Deadline: 10.02.2021. Allen Vortragenden soll gleichwohl die Option geboten werden, zu Beginn der jeweiligen Diskussion noch einmal kurz (2-3 Minuten) ihre zentralen Thesen vorzustellen. Für die Diskussion der einzelnen Beiträge sind 20 min. vorgesehen.